Bruno Latours anthropologischen Feldstudien

Bruno Latour interessierte sich für die Produktion von Wissen im Bereich der Wissenschaft, bzw. genauer der Naturwissenschaft. Er untersuchte Labore und führte dort die teilnehmende Beobachtung durch. Er stellte fest, dass die Personen/Individuen von der Richtigkeit und Wichtigkeit ihrer Aktivitäten überzeugt sind. Dies wiederum prägt das kollektive Handeln der Gesellschaft.

Welches Problem spricht Bruno Latour mit “die Anthropologie kehrt aus den Tropen zurück” an?

(siehe Latours Veröffentlichung „Wir sind nie modern gewesen“)

Bruno Latour spricht das Thema der Anthropologen an, die aus den exotischeren Bereichen zurückkommen, wo sie zuvor Feldforschungen durchgeführt haben, und schliesslich Forschungen in der modernen Welt durchführen. Die Anthropologie orientiert sich noch immer zu stark an den traditionellen klassischen Vorbildern, wie beispielsweise Malinowski. Man will das Zentrum einer fremden Gesellschaft aufdecken, sehen wie sie funktioniert. Welche überschauenden Zusammenhänge man aus der Froschperspektive aufdecken kann. Teilaspekte sind wichtig, jedoch ist der grosse Zusammenhang immer die grosse Motivation.

Kehrt die Anthropologie jedoch aus diesen fernen Ländern zurück, so beginnt der Anthropologe in der modernen Welt nur Teilaspekte zu betrachten. Dabei gibt es sehr viele interessante Möglichkeiten zur Feldforschung in der modernen westlichen Welt. Bauern im Schatten der Kernkraftwerke, informelle Ökonomien in unserer Gesellschaft, die kulturelle Bedeutung der Bahnhöfe für Kunst und Musik. Dies sind nur einige von tausenden Beispielen. Jedoch ist der Anthropologe meist eingeschüchtert, wenn er in seiner eigenen modernen Welt Forschung betreibt. Er bleibt mit seinen Fragestellungen und Forschungen nur im Randbereich und vergisst seine Motivation und das traditionelle Ziel aus den Augen: das Zentrum, grosse Zusammenhänge aufzudecken. Gemäss Latour ist es sehr wichtig, dass auch in der modernen Gesellschaft anthropologisch geforscht wird und die genau gleichen Fragen gestellt werden. Die Methoden und Zielsetzungen dabei sollten sich ebenfalls nicht unterscheiden.
Anmerkung: ist „Betriebsblindheit“ womöglich ein Problem? Dann sollte der Anthropologe umso mehr in seiner modernen Welt Teilbereiche wählen und erforschen, die er selber nicht kennt – und hier gibt es eine genügend grosse Auswahl.

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Rezension zu Marjorie Shostaks „Nisa. The Life and Words of a !Kung Woman”

Kung SanVon M. Rettenmund

Marjorie Shostak lebte von 1969 bis 1971 mit ihrem Mann in Botswana, unter den !Kung San, einer Jäger- und Sammlergesellschaft. Sie erlernte während ihres Aufenthalts die Schnalzlautsprache der !Kung, was ihr die Durchführung von Interviews mit den !Kung ermöglichte. Als aktive Feministin in den USA konzentrierte sie sich vor allem auf die Stellung und Rolle der Frau in der !Kung Gesellschaft. Zudem war es ihr ein grosses Anliegen, mehr über die Gefühlswelt der !Kung zu erfahren. Nach zahlreichen eher ernüchternden Gesprächen mit den !Kung lernte sie schliesslich eine Frau namens „Nisa“1 kennen. Shostak zeigt sich der neuen Bekanntschaft gegenüber zunächst eher skeptisch, ist jedoch nach einigen Interviews von Nisas Erzählstil und ihrer starken Persönlichkeit fasziniert.

Für die Durchführung der Befragungen setzte Shostak ein Tonbandgerät ein und transkribierte die Texte nachträglich. 1981 veröffentlichte sie mit Genehmigung der !Kung Frau schliesslich die literarische und ethnographische Verarbeitung der Gespräche im Buch „Nisa. The Life and Words of a !Kung Woman“.

In Shostaks Ethnographie steht erstmals ein Individuum einer „fremden Kultur“ im Zentrum. Nisa, zugleich Informantin und Studienobjekt, erhält in Shostaks Werk eine eigene Erzählstimme. Die Autorin entschied sich dazu, wie James Clifford (Clifford 1995, S. 136) sich in seinem Aufsatz „Über ethnographische Autorität“ treffend ausdrückt, „[..] die diskursiven Prozesse der Ethnographie in der Form eines Dialogs zwischen zwei Individuen zu präsentieren“, und nennt das Werk nebst einigen weiteren Publikationen ein bemerkenswertes Beispiel. Eine verborgene Kritik an der ethnographischen Autorität und der damit zusammenhängenden Machtposition des Autoren lässt sich aus Shostaks Text ableiten: Mittels der Wahl der dialogischen Autoritätsform lässt Shostak Nisa zum Hauptcharakter werden, die ihre Geschichte selber erzählen darf. Das Resultat ist eine romanartige Monographie, die sich spannend lesen lässt und überzeugt. Entsprechend gross ist die Leserschaft des Buchs, da sich nicht nur die wissenschaftliche Welt für das Werk interessiert, sondern ebenso die breite Öffentlichkeit. Durch die einfache und verständliche Präsentation kann sich der Leser mit Nisa identifizieren und sich so in ihre Welt einfühlen. Die emotionalen Aspekte im Leben der !Kung können aus der Perspektive der Gruppe auf diese Weise „von innen heraus“ betrachtet und verstanden werden.

„Nisa erzählt“, wie das Buch in der deutschsprachigen Veröffentlichung 1986 heisst, lässt ebenfalls eine gesellschaftliche Provokation erkennen, da Shostak die offenherzigen Berichte zu Nisas Sexualität bewusst nicht zensierte. Da in den 80er Jahren noch sehr viele sexuelle Tabus bestanden, war dies auf alle Fälle ein mutiger Schritt. Einzige Kritik bleibt das unklare Verhältnis zwischen Shostaks Interpretation, Nisas Worten und dem ethnographischen Bericht. Eine Überprüfung ist hier sehr schwierig und wird auch durch die Abtrennung der „objektiven“ Textteile Shostaks (z.B. Kapiteleinleitungen) nicht möglich. Wie geht man mit dem Werk also richtig um? Aus wissenschaftlicher Sicht ist es entscheidend, dass man eine eigene Kontextualisierung vornimmt und sich mittels zusätzlichen Publikationen ein eigenes Bild der !Kung Gesellschaft zu dieser Zeit erschafft. Die Berichte in Shostaks Werk sollten nicht als Fakten oder absolute Wahrheiten betrachtet werden. Da selbst Shostak während ihres Aufenthalts bei den !Kung, wie sie selbst im Epilog erklärt, wiederholt aufgezeichnete Gespräche hinterfragen musste.

Das Werk wird heute als umstrittenes anthropologisches Standardwerk betrachtet. Einerseits wird der innovative postmoderne Stil der Ethnographie gelobt und die Bedeutung des Werks für das Fach betont, andererseits führt das Fehlen von wissenschaftlichen Aspekten, wie beispielsweise das Fehlen von Quellen, eine Kontextualisierung, ein Fazit oder auch die fehlende anthropologische Ausbildung Shostaks in universitären Kreisen zu Ablehnung. Die Veröffentlichung 1981 durch die Harvard University Press gab Shostak jedoch bereits von Anfang an einen „wissenschaftlichen Rückenwind“. Gesellschaftskritische, feministische Aspekte, der innovative ethnographische Charakter des Werks, sowie die Reflexion der eigenen Autorität rechtfertigen die Einstufung des Werks als bedeutende Ethnographie. Trotz der immer noch anhaltenden Diskussion um wissenschaftliche Akzeptanz, konnte das Werk die ethnographische Postmoderne entscheidend mitprägen.

Bibliographie

Clifford, James 1995: Über ethnographische Autorität. In: Fuchs, M. und Berg, E. (Hg.): Kultur, soziale Praxis, Text. Die Krise der ethnographischen Präsentation. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag. S. 109-157.

Haller, Dieter 2005: dtv-Atlas Ethnologie. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.

Shostak, Marjorie 1986 (1981): Nisa erzählt. Das Leben einer Nomadenfrau in Afrika. Reinbek: Rowohlt Verlag.

Shostak, Marjorie 2000 (1981): Nisa. The Life and Words of a !Kung Woman. Cambridge: Harvard University Press.

Postkolonialismus – was ist die geeignete Lösung aus anthropologischer Sicht?

Von M. Rettenmund

KolonialismusAls die europäischen Kolonialmächte, darunter u.a. England, Spanien, die Niederlande, Portugal, weite Teile der Welt in Besitz nahmen, konnte noch niemand die massiven Folgen daraus überschauen oder absehen. Ein anthropologisch-ethnologischer Rückblick mittels älteren und neueren Ethnographien und Forschungsergebnissen erlaubt heute ein mehr oder weniger grobes Bild der Folgen zu zeichnen. Kurz und knapp: Die Kolonialmächte haben die heute noch immer stark unterentwickelten, ehemals kolonialbesetzten Länder und Gesellschaften kulturell, religiös und wirtschaftlich durch ihren Eingriff in eine extreme Instabilität getrieben.

Man könnte nun argumentieren, dass dies Fehler der Vergangenheit gewesen seien und dass heute ganz anders gedacht wird. Weitgehend ist dies zwar richtig – eine erneute feindliche Übernahme eines fremden Territoriums wie dies zu Zeiten des Kolonialismus geschehen war, würde heute nicht mehr akzeptiert. Dennoch besteht weiterhin eine intensive Einmischung in den instabilen Gegenden der Welt. Als offensichtliches Beispiel kann der Irak oder Afghanistan genannt werden, wo die Kriegsführung (grösstenteils angeführt von der USA) bisher weder zu sinnvollen Lösungen noch zu vernünftiger Stabilität geführt haben. Man kann sich fragen, ob diese “offene Intervention” in diesen Ländern ebenfalls Aspekte des Kolonialismus aufzeigt und wird Punkto Rohstoffen (=> Erdöl) sicherlich fündig, wenn auch nicht eindeutig beweisbar. Doch man muss erst gar nicht soweit gehen, dass man den Krieg miteinbezieht. Betrachtet man das Verhältnis Afrika – Europa in den letzten Jahrzehnten, so wird klar, dass selbst nach dem Kolonialismus noch immer eine klare Ausbeutung des afrikanischen, aber auch des asiatischen Kontinents besteht – ein Interesse diese Situation umzukehren ist nur gering vorhanden, da schliesslich die “Dritte Welt” günstig produziert und dadurch der materielle Wohlstand der entwickelten Länder auf “einfache Art und Weise” gesichert wird.

Doch kehren wir zurück zu den “alten” Kolonialmächten. Die Auswirkungen des Kolonialismus in Lateinamerika sind beispielsweise noch heute spürbar. Man könnte sich diesbezüglich sogar fragen: Ist dort der Kolonialismus überhaupt zu Ende? – Als abgeschlossen kann man ihn wohl nicht betrachten, trifft man beispielsweise in Guatemala (Mittelamerika) auf die starken Identifikationsprobleme der Indigenas mit den eigenen Traditionen und die massive Durchmischung der Kultur mit westlicher Religion, Sprache und Ideen. Die eigene Identität zu finden, ist für viele Einheimische, egal ob indigener oder mestizischer (indigen-europäisch vermischter) Herkunft, heute noch ein massives Problem. Es ist ein Drahtseilakt zwischen einer modernen Ausrichtung auf die westliche Welt (mit der USA, aber auch Europa als zweifelhaftes Vorbild, betrachtet man die geschichtlichen Ereignisse) und einer Rückbesinnung auf alte Bräuche, Sitten und Rituale. Doch welches davon sind die vorkolonialen und welches sind die postkolonialen Überbleibsel? Gibt es überhaupt noch bewahrte Elemente aus der präkolonialen Zeit? Falls ja, so werden diese von den “Bewahrern alten Wissens” nicht öffentlich gemacht, um das kulturelle Erbe zu schützen. Man darf wohl annehmen, dass noch immer einige wenige uralte Traditionen im “Hinterzimmer” praktiziert und/oder mündlich weitergegeben werden. Dass europäische oder amerikanische Anthropologen bei Forschungen diese Quellen nicht ohne Weiteres ausfindig machen und aufdecken werden, ist naheliegend. Und aus meiner Sicht auch gut so!

Fazit

Die heutigen anthropologischen Untersuchungen sollten nicht ausschliesslich vom “Westen” durchgeführt werden, sondern von Anthropoloogen aus den eigenen Reihen, somit von Einheimischen. Wie schon Franz Boas feststellte, ist jede Kultur relativ und nur aus sich selbst heraus zu verstehen. Der nächste einzig logische Meilenstein für die Anthropologie ist somit gegeben: die Analyse und Diskussion der Forschungsergebnisse einheimischer anthropologischer Studien. Die Rekonstruktion der präkolonialen Kulturidentität in unterentwickelten Ländern von “innen aus sich selbst heraus” ist für die Stabilität und positiver Weiterentwicklung dieser Länder von zentraler Bedeutung.

Franz Boas

FranzBoas Franz Boas war ein deutschstämmiger US-amerikanischer Geograph, Anthropologe und Ethnologe. Er stammte aus einer jüdisch-deutschen Familie, die nachweislich des Geschlechterbuches Heinemann (Chajim)/Boas seit 1670 in Westfalen ansässig war. Boas Grossvater, der Kaufmann Feibes Boas hatte seit 1821 die Bürgerrechte der Stadt Minden. Franz und Maria Boas hatten sechs Kinder; als jüngstes Kind die Tanztherapeutin Franziska Boas. Beeinflusst vom 1. Internationalen Polarjahr, einer Initiative von Carl Weyprecht, zog Franz Boas im Oktober 1882 nach Berlin, um seine Expedition in die Arktis zu organisieren. Boas erreichte eine finanzielle Förderung durch den Verleger Rudolf Mosse bei einer Gegenleistung von fünfzehn Artikeln für das Berliner Tageblatt. Auch gelang es ihm, die wissenschaftliche Unterstützung durch den Mediziner Rudolf Virchow, den Ethnologen Adolf Bastian und den Polarforscher Georg von Neumayer zu gewinnen. Ausserdem erlernte Boas die Grundkenntnisse der dänischen Sprache und des Inuktitut, der Sprache der Inuit.

Am 20. Juni 1883 brach Franz Boas in Begleitung von Wilhelm Weike in Hamburg zu seiner Expedition zu den Inuit des Baffinlandes auf. Als ein geografisch geschulter Wissenschaftler entwickelte er die Grundlagen ethnologischer Feldforschung, wobei er von einem kulturökologischer Ansatz ausging. Im September 1884 beendete Boas die Expedition in New York und blieb zunächst bei seiner Verlobten Marie Krackowitzer. Nach seiner Rückkehr präsentierte Franz Boas die Ergebnisse seiner Forschungsreise auf dem 5. Deutschen Geographentag. Er stellte sie auch dar in seiner Habilitationsschrift über “Die Eisverhältnisse des arktischen Ozeans“. Von 1886 bis 1887 unternahm er auf eigene Kosten eine Expedition nach British Columbia, 1888 unterstützte die British Association for the Advancement of Science seine Nordwestküstenexpedition.

Sein Onkel Abraham Jacobi – wegen seiner Aktivitäten bei der demokratischen Revolution von 1848 nach Amerika emigriert – war als Kinderarzt wohlhabend geworden. Er ermöglichte Franz Boas im Jahr 1886 die Übersiedlung in die USA. 1892 wurde er Dozent für Anthropologie an der Clark University in Worcester. 1893 wurde er Assistent des Direktors des Peabody Museums, Frederick Ward Putnam bei der grossen World’s Columbian Exposition. Die Ausstellungsstücke kamen ins Field Columbian Museum in Chicago, an dem Boas für 18 Monate Kurator wurde, bis man ihn dort vergraulte. Er unternahm danach eine kurze Expedition, um die Winterzeremonie der Kwakiutl zu dokumentieren.

1896 bis 1900 war er stellvertretender wissenschaftlicher Leiter der anthropologischen Abteilung des American Museum of Natural History in New York. 1899 erhielt Franz Boas an der Columbia University in New York eine Professur für Anthropologie, die er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1934 inne hatte. Aus dieser Position heraus gelang ihm die Professionalisierung der Anthropologie sowie die Ausweitung der Ethnologie über das nordamerikanische Forschungsgebiet hinaus. Boas wurde zum Wegbereiter einer neue Richtung der Anthropologie in Amerika, der Cultural Anthropology. Franz Boas errang durch die Planung und Leitung der Jesup North Pacific Expedition (1897–1902) in der US-Ethnologie eine Spitzenstellung. Die Expedition konnte die asiatische Herkunft der nordamerikanischen Indianer nachweisen. Boas bemühte sich auch um die Sicherung des kulturellen Erbes der nordamerikanischen Indianer und der Inuit.

Bekannt geworden ist Boas durch seinen Kulturrelativismus: Jede Kultur ist relativ und nur aus sich selbst heraus zu verstehen. Er entwickelte einen historischen Partikularismus: Jede Kultur habe ihre eigene Geschichte und Entwicklung. Man solle nicht versuchen, ein allgemeines Gesetz zu machen, wie sich Kulturen entwickeln. Damit widersprach er dem Evolutionismus von Lewis Henry Morgan. Boas und seine Schülerinnen und Schüler (wie Alfred Kroeber und Ruth Benedict) beeinflussten die nordamerikanische Anthropologie nachhaltig. Bekannt geworden ist Boas für seine Erforschung von Wildbeutergesellschaften der Indianer an der Nord-Nordwestküste der USA. Er forschte bei den Kwakiutl. Als er diese studierte, fiel ihm die Unstimmigkeit von Morgans Theorie auf.

Der Evolutionismus behauptet, Wildbeutergesellschaften (Jäger und Sammler) stellten immer die unterste Entwicklungsstufe dar mit einem harten Dasein ohne Luxus, wo nur der tägliche Kampf ums Überleben herrsche. Boas fand aber bei den Kwakiutl eine ganz andere Situation. Diese sind zwar Wildbeuter, aber trotzdem sesshaft. Sie hatten ein angenehmes Leben mit reichlich Nahrung durch den Lachsfang an der Küste. Sie besassen reiche Töpferwaren und ein ausgeprägtes Kunsthandwerk und sogar Kriegsgefangene von Nachbarstämmen als Haussklaven. Und sie hatten so viel, dass sie es verschenken oder gar zerstören konnten – nämlich beim Potlatch. Seine Forschungen zu dieser Zeremonie des Gabentausches sind von Thorstein Veblen (Theorie des demonstrativen Konsums) und Marcel Mauss (Theorie des Geschenks) ausgiebig genutzt worden.

Boas beeinflusste auch den französischen Philosophen und Ethnologen Claude Lévi-Strauss, der ihn während seines Exils in New York 1942 mehrfach traf. Seine Erfahrungen bei den Kwakiutl beschäftigten die Anthropologie über viele Generationen. Seinen genauen Beschreibungen und Aufzeichnungen ist es auch zu verdanken, dass die Fadenspiele der Inuit Einzug in die westliche Welt hielten. Franz Boas Bedeutung für die noch junge Wissenschaft der Anthropologie hängt auch mit dem hohen Anteil seiner Schüler unter den ersten professionellen universitären Anthropologen in den USA zusammen. Von 1901 bis 1911 gingen aus der Columbia University sieben PhDs in Anthropologie hervor. Diese nach heutigen Massstäben geringe Zahl festigte den Ruf von Boas’ Abteilung an der Columbia als ein herausragendes Anthropologieprogramm im ganzen Land. Seine Studenten sowie Schüler, die auch anthropologische Studiengänge an den anderen grösseren US-Universitäten etablieren konnten, waren:

  • Alfred Louis Kroeber (1901) war der erster Doktorand; gemeinsam mit seinem Kommilitonen Robert H. Lowie (1908) schuf er das anthropologische Programm an der University of California, Berkeley.
  • William Jones (1904 PhD von Columbia) war einer der ersten indianischen Anthropologen (Fox). Er wurde 1909 bei Forschungen auf den Philippinen getötet.
  • Albert B. Lewis (1907) und Frank Speck (1908), der seinen PhD an der University of Pennsylvania erwarb und dort eine Anthropologieabteilung aufbaute.
  • Der Linguist Edward Sapir (1909) lehrte an den Universitäten in Berkeley, Ottawa, Chicago und Yale.
  • Alexander Goldenweiser (1910) startete gemeinsam mit Elsie Clews Parsons das Fach Anthropologie an der New School for Social Research. Parsons wurde 1899 an der Columbia in Soziologie promoviert; anschliessend hatte sie bei Boas Ethnologie studiert.
  • Paul Radin (1911) leitete umfangreiche Feldforschungen bei den Ojibwa- und den Winnebago-Indianern in der Great Lakes Region und lehrte als Ethnologe.
  • Herman Karl Haeberlin (um 1914) hinterliess nach seinem Tod 1918 insgesamt 41 Notizhefte, deren Veröffentlichung Boas veranlasste.
  • Fay-Cooper Cole (1914) entwickelte das Anthropologieprogramm für die Universität Chicago.
  • Esther Goldfrank, seit 1940 verheiratet mit Karl August Wittfogel, reiste 1919 mit Boas nach New Mexico, um die Pueblo-Indianer zu erforschen.
  • Leslie Spier (1920) legte die Grundlagen an der University of Washington in Seattle gemeinsam mit seiner Ehefrau und Boas-Schülerin Erna Gunther. Gunther konnte aus Herman Haeberlins Notizen publizieren. Sie alle stammten aus Deutschland.
  • Melville J. Herskovits (1923) lehrte an der Northwestern University in Evanston (Illinois).
  • Zora Neale Hurston studierte mit einem Stipendium Anthropologie. Das Studium beendete sie 1928 am Barnard College.
  • Margaret Mead (1929) war eine überzeugte Vertreterin des Kulturrelativismus.
  • Gilberto Freyre, brasilianischer Soziologe, bezeichnete Boas als seinen Lehrer.
  • Viola Garfield setzte die Arbeiten über die Tsimshian fort, und Frederica de Laguna forschte über die Inuit und die Tlingit.
Quelle: Wikipedia

Marshall Sahlins

Marshall SahlinsMarshal Sahlins wuchs in Chicago auf. Seinen BA und MA erwarb er an der University of Michigan, wo er bei Leslie White studierte. 1954 wurde Sahlins Ph.D. an der Columbia University. Hier haben ihn Karl Polanyi und Julian Steward intellektuell beeinflusst. Er kehrte in den 1960er Jahren als Dozent an die University of Michigan zurück und wurde bei Protesten gegen den Vietnamkrieg politisch aktiv: Gemeinsam mit seinem Kollegen Eric Wolf organisierte er das erste Teach-in. Während eines zweijährigen Aufenthaltes in Paris lernte Sahlins insbesondere die Arbeiten von Claude Lévi-Strauss kennen und erlebte die studentischen Proteste bei den Mai-Unruhen 1968. Seit 1973 lehrte Sahlins an die University of Chicago, und seit Juni 1997 führt er den Titel des Charles F. Grey Distinguished Service Professor of Anthropology Emeritus.

Sahlins Forschungen konzentriert sich auf die Fragestellung, mit welchem Potenzial die Kultur auf Wahrnehmungen und Handlungen der Menschen einwirken kann. Er will vor allem beweisen, dass die Kultur eine einzigartige Kraft zur Motivation der Menschen besitzt, die nicht biologischen Ursprungs ist. Seine frühen Arbeiten dienten dazu, die Vorstellung vom Homo oeconomicus zu relativieren und zu zeigen, dass sich das ökonomische System in kulturell spezifischen Weisen der jeweiligen Umwelt anpasst. Nach der Veröffentlichung von Culture and Practical Reason (1976) widmete sich Marshall Sahlins der Beziehung zwischen Geschichte und Anthropologie sowie der Art, wie verschiedene Kulturen Geschichte verstehen und schaffen. Obwohl der gesamte Pazifik in seinem Blickfeld lag, betrieb er die meiste Forschung auf den Fidschi und Hawaii. In seinem Werk Evolution and Culture (1960 und 1988) befasst sich Sahlins mit der kulturellen Evolution und dem Neoevolutionismus. Die Evolution von Gesellschaften unterteilt er in allgemein und spezifisch. Als allgemeine Evolution bezeichnet er die Tendenz kultureller und sozialer Systeme, hinsichtlich ihrer Komplexität, Organisation und Umweltanpassung zu expandieren. Weil einzelne Kulturen jedoch nicht isoliert existieren können, kommt es zu Interaktionen und zur Diffusion ihrer Qualitäten, zum Beispiel bei technologischen Erfindungen. Dies führt dazu, dass sich Kulturen unterschiedlich entwickeln: In einer spezifischen Evolution entstehen nun verschiedene Kombinationen kultureller Elemente und auch verschiedene Entwicklungsstufen.

Ende der 90er Jahre lieferten sich der aus Sri Lanka stammende Ethnologe Gananath Obeyesekere und Marshall Sahlins eine intensive Debatte über die Details des Todes von James Cook auf Hawaii im Jahre 1779. Im Mittelpunkt der Debatte stand die Frage nach der Beurteilung der Rationalität indigener Völker. Obeyesekere bestand darauf, dass diese grundsätzlich genauso dachten wie Menschen aus der westlichen Welt. Er befürchtete, dass jede andere Einschätzung sie als irrational oder unzivilisiert einstufen würde. Sahlins hingegen sah westliche Denkweisen selbst kritisch: Er betonte, dass indigene Kulturen zwar anders, doch dabei denen im Westen gleichwertig seien.

Quelle: Wikipedia

Margarete Mead

Margaret MeadMargaret Mead war eine US-amerikanische Anthropologin und Ethnologin. Margaret Mead gilt als eine der entschiedensten Vertreterinnen des Kulturrelativismus im 20. Jahrhundert. Sie vertrat die Auffassung, dass Sozialverhalten formbar und kulturbestimmt sei. Besonders in den 1960er und in den 1970er Jahren waren ihre Arbeiten sehr populär. Mead galt mit ihren Studien über die Sexualität in südpazifischen Kulturen als eine Wegbereiterin der sexuellen Revolution. Seit den 1980er Jahren wurde verstärkt Kritik an ihren Forschungsmethoden geübt. Margaret Mead studierte an der Columbia University bei Franz Boas und Ruth Benedict.

1925 reiste sie als junge Anthropologin allein nach Samoa, wo sie junge Mädchen an der Stufe zum Erwachsenwerden studierte. Mit einigem Erstaunen hielt sie fest, dass die bis dahin als starr geltenden sozialen Rollen kulturell vorgegeben waren und nicht – wie bisher allgemein angenommen – für alle Menschen allgemein gültig waren. 1957 reiste Lowell D. Holmes auf den Spuren Meads und korrigierte in seiner Dissertation Fehler von Mead; im Grossen und Ganzen bestätigte er darin aber Meads Ergebnisse. Weltberühmt wurde Mead durch ihre Forschungsreisen 1931 nach Neuguinea, wo sie die Gesellschaftsstrukturen der Arapesh, Tchambuli und Mundugumor erforschte und aus ihrem Material folgerte, dass die bis dahin bekannten Geschlechterrollen kulturell bedingt seien und nicht genetisch vorgegeben. Sie war die erste Person, die diese (bis heute umstrittene) Ansicht empirisch zu belegen schien und gab damit den gesamten Sozialwissenschaften neue Impulse. Zwischen 1936 und 1939 betrieb sie zusammen mit Gregory Bateson und Jane Belo intensive Studien auf der Insel Bali. Sie war damit eine wichtige Figur des sogenannten Bali-Circle der dreissiger Jahre. Während des Zweiten Weltkrieges musste sie ihre Forschungsreisen in die Südsee unterbrechen, wodurch sie sich jedoch nicht von weiteren Forschungstätigkeiten abhalten liess. Gemeinsam mit Ruth Benedict wandte sie früh anthropologische und ethnologische Methoden zur Erforschung moderner Kulturen an. Um ihre Vergleiche zwischen den Kulturen zu vertiefen und weitere Forscher zu solchen Vergleichen zu animieren, gründeten die beiden Ethnologinnen das Institute for Intercultural Studies. Insgesamt erforschte Mead sieben Kulturen im Südpazifik. Sie war Professorin des American Museum of Natural History in New York, Präsidentin der American Anthropological Association (AAA) und der American Association for the Advancement of Science. Sie erhielt 28 Ehrendoktorate von Universitäten weltweit und schrieb mehr als 40 Bücher sowie über 1000 wissenschaftliche Artikel. Sie war Lehrerin und Förderin von Ray Birdwhistell. Sie war auch eine Galionsfigur der 68er-Bewegung, die sich gerne auf die Pionierin berief. Mead war verheiratet mit Luther Cressman, Reo F. Fortune und Gregory Bateson mit dem sie eine Tochter, Mary Catherine (* 1938) hatte.

Der Anthropologe Derek Freeman widersprach Meads Samoa-Ergebnissen in seinen Studien. Freeman ging dabei ausdrücklich nicht von einer bewusst falschen Darstellung durch Mead aus. Seiner Auffassung nach entsprang ihr Samoa-Bild eigenem Wunschdenken. Mead hatte Anthropologie bei Franz Boas, einem der Gründungsväter der amerikanischen Kulturanthropologie, studiert. Boas wandte sich in seinen Forschungen gegen den von der Eugenetik vertretenen Erbdeterminismus, der den Menschen vor allem durch seine Erbanlagen bestimmt sah. Im Sinne Boas trat die damals 23-jährige Margaret Mead ihre Forschungen ausdrücklich mit dem Ziel der Widerlegung des Erbdeterminismus an: „Wir hatten zu zeigen, dass die Menschennatur ausserordentlich anpassungsfähig ist, dass die Rhythmen der Kultur zwingender sind als die physiologischen Rhythmen … Wir hatten den Beweis zu erbringen, dass die biologische Grundlage des menschlichen Charakters sich unter verschiedenen gesellschaftlichen Bedingungen verändern kann.

Meads Fahrt nach Samoa im August 1925 war ihre erste Auslandsreise. Fundierte Kenntnisse der samoanischen Geschichte und Kultur hatte sie nicht. Erst vor Ort nahm sie Anfangsunterricht in der samoanischen Sprache (1 Stunde pro Tag). Da sie die Vorstellung, in der primitiven Umgebung einer samoanischen Familie zu leben, abschreckte, zog sie in das Haus einer dort ansässigen nordamerikanischen Familie. Im nächsten halben Jahr befragte sie samoanische Mädchen, 25 davon näher. Diese Befragungen bildeten die Quelle ihres Buches. Zugang zum politischen Leben der Einheimischen, den Männerversammlungen, bekam sie als Frau nicht.
Anders als Mead war Derek Freeman der samoanischen Sprache kundig. Er kam erstmalig 1940 nach Samoa und verbrachte dort in den folgenden vier Jahrzehnten über sechs Jahre. Er schrieb seine Doktorarbeit über die Gesellschaftsstruktur Samoas, wurde von einer einheimischen Familie adoptiert und in seinem Dorf zum Häuptling ernannt. Anfangs wie Mead ein überzeugter Kulturdeterminist, veröffentlichte er sein mead-kritisches Buch erst als emeritierter Professor. Freemans Beschreibung von Samoa, das er aufgrund seiner eigenen jahrzehntelangen Erfahrungen und Befragungen sowie intensiven Quellenstudien beschreibt, steht im ausdrücklichen Widerspruch zu Meads Ergebnissen. Es ist eine genauso komplexe Kultur wie die uns bekannte, mit vergleichbaren emotionalen Höhen und Tiefen für jeden ihrer Bewohner. Massiv kritisiert wurde, dass er sein Werk erst nach dem Tod Meads publizierte, die sich so den Vorwürfen nicht mehr stellen konnte.

Die Beschreibung Arapesh auf Neuguinea in den 1930er Jahren als äusserst friedliches Volk hat Mead Kritik von einem ihrer Ex-Männer eingetragen. Der Anthropologe Reo F. Fortune wies 1939 Forschungsergebnisse der inzwischen mit dem Kollegen Gregory Bateson liierten Mead energisch zurück und beschrieb detailliert die Frauenraubkriege der Arapesh. Der Anthropologe Paul Shankman zeichnet inzwischen ein eher vermittelndes Bild von der Kontroverse zwischen Mead und Freeman und ist der Auffassung, dass auch Freemans Untersuchung nur unzureichend von der Beweislage gedeckt sei; beide Seiten der Kontroverse seien unter Ideologieverdacht.

Quelle: Wikipedia

Radcliffe-Brown

a-radcliffe-brownRadcliffe-Brown stammte aus Birmingham und machte 1904 seinen Bachelor in Cambridge. In seiner Jugendzeit war er aktiver Anarchist, von seinen Kommilitonen wurde er “Anarchy Brown” genannt. Nach seinem Studium (Psychologie & Ökonomie) widmete er sich Feldforschungen auf den Andamanen und in Westaustralien. Während des 1. Weltkrieges war er Erziehungsleiter im Königreich Tonga, anschließend lehrte er an verschiedenen Universitäten.

Zeit seines Lebens befasste sich Radcliffe-Brown mit der zentralen Frage, ob und auf welche Weise Menschen ohne Herrschaft und ohne Staat leben können. Beeinflusst von seinem Lehrer Emile Durkheim und den Philosophen Thomas Hobbes und Jean-Jacques Rousseau, befasste er sich mit Herrschaftssystemen und Organisationsformen nicht-industrieller Gesellschaften. Radcliffe-Brown wendet sich vom Standpunkt Hobbes’ (Menschen brauchen eine starke Hand, sonst kommt es zum Krieg “jeder gegen jeden.”) ab und arbeitet Rousseaus Ansätze weiter aus: Menschen können sehr gut ohne Staat miteinander leben, wenn sie sich an ein paar, einmal geschlossene Vereinbarungen halten.

Seine Idee der staatenlosen Selbstregulierung nicht-industrialisierter Gesellschaften geht vom so genannten “Gleichgewichtsmodell” aus. Er veranschaulicht diese Idee in der “Blattmetapher”: Die Struktur der Adern gegenüber der Funktion der Flächen spielt zusammen und ergibt als Ganzes das System-Blatt.

Im Detail sieht Radcliffe-Browns Gleichgewichtsmodell folgendermaßen aus: Staatenlose Gesellschaften funktionieren am besten dann, wenn sie sich aus gleichartigen Subsystemen zusammensetzen. Der Schlüssel zum Verständnis, wie staatenlose Gesellschaften funktionieren, finde sich im Gleichgewicht der Subsysteme. Wie eine Torte z.B. aus verschiedenen Sub-Tortenstücken besteht – wobei jedes Tortenstück das Gegengewicht zum anderen Tortenstück ist – so wird die Balance, das Gleichgewicht gehalten. Aus Radcliffe-Browns Gleichgewichtsmodell heraus entwickelte sich innerhalb der Ethnologie ein ganzer Strang an neuen Ideen: die so genannte “Segmentäre Theorie”.
Strukturfunktionalismus

Radcliffe-Brown sah Institutionen als Schlüssel zum Erhalt der globalen sozialen Ordnung der Gesellschaft, analog zu den Organen des Körpers, und seine Studien der sozialen Funktion untersuchen, wie Bräuche dazu beitragen, die allgemeine Stabilität der Gesellschaft zu erhalten. Dabei ignorierte er die Effekte historischer Veränderungen völlig. Kritisiert wurde vor allem sein Nichtbeachten der Einflüsse des Kolonialismus. Heute wird Radcliffe-Brown, zusammen mit Bronisław Malinowski als Gründer der Social Anthropology gesehen.

Wichtige Veröffentlichungen

  • The Andaman Islanders, 1922
  • Social Organization of Australian Tribes, 1931
  • Structure and Function in Primitive Society, 1935
  • African System of Kinship and Marriage, 1950
Quelle: Wikipedia

Ökonomisches Anthro Rätsel

Haben Sie Anthropologie bzw. Ethnologie studiert oder sind Sie noch dran? Dann versuchen Sie einmal dieses nette kleine Rätsel zur Ökonomischen Anthropologie auszufüllen. Sehr gut gemacht, wenn auch nicht ganz leicht!

http://www.lai.at/web/oeku/cp/theogrundlagen/raetsel.html

Marcel Mauss

Marcel MaussMauss stammt aus einer jüdischen Familie, die eine kleine Seidensticker-Manufaktur in den Vogesen betrieb. Als Neffe von Emile Durkheim, der 14 Jahre sein Mentor war, war er aber viel stärker empirisch orientiert als dieser. Er versuchte, soziale Phänomene in ihrer Totalität zu sehen und zu verstehen. Der Austausch in archaischen Gesellschaften, den er in seinem Essai sur le don („Die Gabe“) darstellt, ist nach seiner Auffassung eine umfassende gesellschaftliche Tätigkeit – ein „soziales Totalphänomen“, das gleichzeitig ökonomische, juristische, moralische, ästhetische, religiöse, mythologische und sozio-morphologische Dimensionen umfasst und weit über das Menschenbild des rationalen Homo oeconomicus und seiner Wirtschaft hinaus geht. Im Mittelpunkt seiner Erforschung der Gabe steht die Frage, warum man Gaben erwidern muss. Seine Antwort liegt darin begründet, dass sich in der Gabe Person und Sachen mischen, man beim Geben einen Teil von sich gibt und im Nehmen der Gabe insofern eine Fremderfahrung des Anderen macht. Mauss untersucht diese Vermischung von Person und Sache nicht nur in fremden Kulturen, sondern auch in unterschiedlichen europäischen Rechtssystemen (bei den Römern oder Germanen), um schließlich von den fremden und alten Kulturen auf die gegenwärtigen Gesellschaften überzuleiten und dort die moralischen Folgerungen aus den Praktiken der Gabe auszuloten. Marcel Mauss’ grundlegende vergleichende ethnografische Arbeit über die Gabe stellt das moralische, psycho-ökonomische Prinzip der Gabe in seinem Zwangscharakter und seiner Schuldverursachung heraus und bringt die Gabe mit dem zweideutigen englischen gift zusammen. Damit kann er die Prinzipien von Dienstleistung, Arbeit, Sozialstaat und Wohlfahrt analysieren. Der Essai sur le don war die erste systematische und vergleichende Studie, die das System des Geschenkaustauschs analysierte und die erste Deutung seiner Funktion im Bezugsrahmen der gesellschaftlichen Ordnung.

Marcel Mauss lehrte an der École Pratique des Hautes Études im FB Religionswissenschaften die „Religionen unzivilisierter Völker“ (wobei er die Bezeichnung „unzivilisiert“ ablehnte). Zusammen mit seinem Lehrer Emile Durkheim begründete er die Zeitschrift L’Année Sociologique und 1925, zusammen mit Paul Rivet und Lucien Lévy-Bruhl, das Institut d’Ethnologie in Paris. Kurz darauf erhielt er einen Lehrstuhl für Soziologie am Collège de France; die Bewerbung dafür hatte er, zum Ärger seines Onkels, 1908 noch abgelehnt. Politisch war Mauss eng mit der Arbeiter-Internationale verbunden, gründete die Zeitschriften Mouvement Socialiste und L’Humanité und veröffentlichte entsprechende reformsozialistische Artikel. Sein politisches Vorbild war Jean Jaurès. 1934 heiratete er seine Sekretärin. Während der deutschen Besatzungszeit drängte man ihn aus seiner Position. Er selbst blieb zwar unbehelligt, aber engste Kollegen (wie z. B. Maurice Halbwachs) wurden umgebracht. Nach dem Krieg lebte er sozial isoliert, hinzu traten persönliche Probleme und Demenz.

Einer seiner Schüler war Jean Rouch. Freunde waren Robert Hertz, Henri Hubert, Maurice Leenhardt, Schüler waren u. a. die Gründer des Collège de Sociologie, Michel Leiris und Roger Caillois, aber auch Louis Dumont, André Leroi-Gourhan, Claude Lévi-Strauss und Henri Lévy-Bruhl. Sein Buch Die Gabe übte darüber hinaus Wirkungen auf das Denken von Jacques Derrida, Paul Ricoeur, Marcel Hénaff, Maurice Godelier, Marshall Sahlins, Pierre Bourdieu oder Jean Baudrillard aus und ist ein Standardwerk für Anthropologen, Soziologen, Kulturwissenschaftler und Ethnologen.

Quelle: Wikipedia