Franz Boas war ein deutschstämmiger US-amerikanischer Geograph, Anthropologe und Ethnologe. Er stammte aus einer jüdisch-deutschen Familie, die nachweislich des Geschlechterbuches Heinemann (Chajim)/Boas seit 1670 in Westfalen ansässig war. Boas Grossvater, der Kaufmann Feibes Boas hatte seit 1821 die Bürgerrechte der Stadt Minden. Franz und Maria Boas hatten sechs Kinder; als jüngstes Kind die Tanztherapeutin Franziska Boas. Beeinflusst vom 1. Internationalen Polarjahr, einer Initiative von Carl Weyprecht, zog Franz Boas im Oktober 1882 nach Berlin, um seine Expedition in die Arktis zu organisieren. Boas erreichte eine finanzielle Förderung durch den Verleger Rudolf Mosse bei einer Gegenleistung von fünfzehn Artikeln für das Berliner Tageblatt. Auch gelang es ihm, die wissenschaftliche Unterstützung durch den Mediziner Rudolf Virchow, den Ethnologen Adolf Bastian und den Polarforscher Georg von Neumayer zu gewinnen. Ausserdem erlernte Boas die Grundkenntnisse der dänischen Sprache und des Inuktitut, der Sprache der Inuit.
Am 20. Juni 1883 brach Franz Boas in Begleitung von Wilhelm Weike in Hamburg zu seiner Expedition zu den Inuit des Baffinlandes auf. Als ein geografisch geschulter Wissenschaftler entwickelte er die Grundlagen ethnologischer Feldforschung, wobei er von einem kulturökologischer Ansatz ausging. Im September 1884 beendete Boas die Expedition in New York und blieb zunächst bei seiner Verlobten Marie Krackowitzer. Nach seiner Rückkehr präsentierte Franz Boas die Ergebnisse seiner Forschungsreise auf dem 5. Deutschen Geographentag. Er stellte sie auch dar in seiner Habilitationsschrift über “Die Eisverhältnisse des arktischen Ozeans“. Von 1886 bis 1887 unternahm er auf eigene Kosten eine Expedition nach British Columbia, 1888 unterstützte die British Association for the Advancement of Science seine Nordwestküstenexpedition.
Sein Onkel Abraham Jacobi – wegen seiner Aktivitäten bei der demokratischen Revolution von 1848 nach Amerika emigriert – war als Kinderarzt wohlhabend geworden. Er ermöglichte Franz Boas im Jahr 1886 die Übersiedlung in die USA. 1892 wurde er Dozent für Anthropologie an der Clark University in Worcester. 1893 wurde er Assistent des Direktors des Peabody Museums, Frederick Ward Putnam bei der grossen World’s Columbian Exposition. Die Ausstellungsstücke kamen ins Field Columbian Museum in Chicago, an dem Boas für 18 Monate Kurator wurde, bis man ihn dort vergraulte. Er unternahm danach eine kurze Expedition, um die Winterzeremonie der Kwakiutl zu dokumentieren.
1896 bis 1900 war er stellvertretender wissenschaftlicher Leiter der anthropologischen Abteilung des American Museum of Natural History in New York. 1899 erhielt Franz Boas an der Columbia University in New York eine Professur für Anthropologie, die er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1934 inne hatte. Aus dieser Position heraus gelang ihm die Professionalisierung der Anthropologie sowie die Ausweitung der Ethnologie über das nordamerikanische Forschungsgebiet hinaus. Boas wurde zum Wegbereiter einer neue Richtung der Anthropologie in Amerika, der Cultural Anthropology. Franz Boas errang durch die Planung und Leitung der Jesup North Pacific Expedition (1897–1902) in der US-Ethnologie eine Spitzenstellung. Die Expedition konnte die asiatische Herkunft der nordamerikanischen Indianer nachweisen. Boas bemühte sich auch um die Sicherung des kulturellen Erbes der nordamerikanischen Indianer und der Inuit.
Bekannt geworden ist Boas durch seinen Kulturrelativismus: Jede Kultur ist relativ und nur aus sich selbst heraus zu verstehen. Er entwickelte einen historischen Partikularismus: Jede Kultur habe ihre eigene Geschichte und Entwicklung. Man solle nicht versuchen, ein allgemeines Gesetz zu machen, wie sich Kulturen entwickeln. Damit widersprach er dem Evolutionismus von Lewis Henry Morgan. Boas und seine Schülerinnen und Schüler (wie Alfred Kroeber und Ruth Benedict) beeinflussten die nordamerikanische Anthropologie nachhaltig. Bekannt geworden ist Boas für seine Erforschung von Wildbeutergesellschaften der Indianer an der Nord-Nordwestküste der USA. Er forschte bei den Kwakiutl. Als er diese studierte, fiel ihm die Unstimmigkeit von Morgans Theorie auf.
Der Evolutionismus behauptet, Wildbeutergesellschaften (Jäger und Sammler) stellten immer die unterste Entwicklungsstufe dar mit einem harten Dasein ohne Luxus, wo nur der tägliche Kampf ums Überleben herrsche. Boas fand aber bei den Kwakiutl eine ganz andere Situation. Diese sind zwar Wildbeuter, aber trotzdem sesshaft. Sie hatten ein angenehmes Leben mit reichlich Nahrung durch den Lachsfang an der Küste. Sie besassen reiche Töpferwaren und ein ausgeprägtes Kunsthandwerk und sogar Kriegsgefangene von Nachbarstämmen als Haussklaven. Und sie hatten so viel, dass sie es verschenken oder gar zerstören konnten – nämlich beim Potlatch. Seine Forschungen zu dieser Zeremonie des Gabentausches sind von Thorstein Veblen (Theorie des demonstrativen Konsums) und Marcel Mauss (Theorie des Geschenks) ausgiebig genutzt worden.
Boas beeinflusste auch den französischen Philosophen und Ethnologen Claude Lévi-Strauss, der ihn während seines Exils in New York 1942 mehrfach traf. Seine Erfahrungen bei den Kwakiutl beschäftigten die Anthropologie über viele Generationen. Seinen genauen Beschreibungen und Aufzeichnungen ist es auch zu verdanken, dass die Fadenspiele der Inuit Einzug in die westliche Welt hielten. Franz Boas Bedeutung für die noch junge Wissenschaft der Anthropologie hängt auch mit dem hohen Anteil seiner Schüler unter den ersten professionellen universitären Anthropologen in den USA zusammen. Von 1901 bis 1911 gingen aus der Columbia University sieben PhDs in Anthropologie hervor. Diese nach heutigen Massstäben geringe Zahl festigte den Ruf von Boas’ Abteilung an der Columbia als ein herausragendes Anthropologieprogramm im ganzen Land. Seine Studenten sowie Schüler, die auch anthropologische Studiengänge an den anderen grösseren US-Universitäten etablieren konnten, waren:
- Alfred Louis Kroeber (1901) war der erster Doktorand; gemeinsam mit seinem Kommilitonen Robert H. Lowie (1908) schuf er das anthropologische Programm an der University of California, Berkeley.
- William Jones (1904 PhD von Columbia) war einer der ersten indianischen Anthropologen (Fox). Er wurde 1909 bei Forschungen auf den Philippinen getötet.
- Albert B. Lewis (1907) und Frank Speck (1908), der seinen PhD an der University of Pennsylvania erwarb und dort eine Anthropologieabteilung aufbaute.
- Der Linguist Edward Sapir (1909) lehrte an den Universitäten in Berkeley, Ottawa, Chicago und Yale.
- Alexander Goldenweiser (1910) startete gemeinsam mit Elsie Clews Parsons das Fach Anthropologie an der New School for Social Research. Parsons wurde 1899 an der Columbia in Soziologie promoviert; anschliessend hatte sie bei Boas Ethnologie studiert.
- Paul Radin (1911) leitete umfangreiche Feldforschungen bei den Ojibwa- und den Winnebago-Indianern in der Great Lakes Region und lehrte als Ethnologe.
- Herman Karl Haeberlin (um 1914) hinterliess nach seinem Tod 1918 insgesamt 41 Notizhefte, deren Veröffentlichung Boas veranlasste.
- Fay-Cooper Cole (1914) entwickelte das Anthropologieprogramm für die Universität Chicago.
- Esther Goldfrank, seit 1940 verheiratet mit Karl August Wittfogel, reiste 1919 mit Boas nach New Mexico, um die Pueblo-Indianer zu erforschen.
- Leslie Spier (1920) legte die Grundlagen an der University of Washington in Seattle gemeinsam mit seiner Ehefrau und Boas-Schülerin Erna Gunther. Gunther konnte aus Herman Haeberlins Notizen publizieren. Sie alle stammten aus Deutschland.
- Melville J. Herskovits (1923) lehrte an der Northwestern University in Evanston (Illinois).
- Zora Neale Hurston studierte mit einem Stipendium Anthropologie. Das Studium beendete sie 1928 am Barnard College.
- Margaret Mead (1929) war eine überzeugte Vertreterin des Kulturrelativismus.
- Gilberto Freyre, brasilianischer Soziologe, bezeichnete Boas als seinen Lehrer.
- Viola Garfield setzte die Arbeiten über die Tsimshian fort, und Frederica de Laguna forschte über die Inuit und die Tlingit.
