Category Archives: Anthropologie der Globalisierung

Appadurais “Global Ethnoscapes”

„… [there are] some brute facts about the world of the twentieth century that any ethnography must confront. Central among these facts is the changing social, territorial, and cultural reproduction of group identity. As groups migrate, regroup in new locations, reconstruct their histories, and reconfigure their ethnic projects, the ethno in ethnography takes on a slippery, nonlocalized quality, to which the descriptive practices of anthropology will have to respond [..] The terms of the negotiation of between imagined lives and deterritorialized worlds are complex, and they surely cannot be captured by the localizing strategies of traditional ethnography alone. What a new style of ethnography can do is to capture the impact of deterritorialization on the imaginative resources of lived, local experiences.”

“Global Ethnoscapes. Notes and Queries for a Transnational Anthropology” von A. Appadurai

Appadurais Modell der fünf Dimensionen

Arjun Appadurais Modell der fünf Dimensionen im Kontext der Globalisierung und “Postcolonial Studies”.

Es gibt folgende “kulturelle Flüsse”:

  • Ethnoscapes
    Ethnoscapes Soziale Landschaften, geprägt durch Mobilität und Transnationalität
  • Mediascapes
    Einfluss der Medien (TV, Film, Internet, Musik) auf den Lebensstil ist massiv; US-Unterhaltungsbusiness dominiert dabei den Markt und prägt das Bild eines idealen Lebensstils durch die Medien mit
  • Financescapes
    Spekulative Finanzflüsse sind profitorientiert, schnell und global
  • Ideoscapes
    Politische und religiöse Ideologien schaffen neue Bedeutungen für die Demokratie und das Recht
  • Technoscapes
    Appadurai ist der Meinung, dass es keine Industrienationen mehr gibt und begründet dies damit, dass die Produktion flexibel in günstige Regionen verlegt wird, also völlig transnational produziert wird –> z.B. günstige Produktion in China

Womit beschäftigt sich die Anthropologie der Globalisierung?

Sie beschäftigt sich mit:

  • der Veränderung der Welt durch Bevölkerungszunahme
  • die Auswirkungen von technologischen Entwicklungen (“grüne Revolution”)
  • den Postkolonialismus
  • neue Formen von Religionen, Wohnraum, familiärer Solidarität (z.B. bei Migranten)
  • der kulturellen Distanz ländlicher und städtischer Gebiete
  • Grossstädten (Megacities) als Orte der kulturellen Globalisierung
  • der Problem und Folgen der Transnationalität
  • der Verarmung ländlicher Regionen
  • der Gefahr des Kultur- bzw. Traditionsverlusts in ländlichen Gebieten

Ulf Hannerz und die Forderung eines neuen Kulturbegriffs

Ulf Hannerz ist der Mitbegründer der Urban Anthropologie. Sein Werk „Soulside – Inquiries in ghetto culture and community“ zählt zu den Klassikern der Urban Anthropologie. Hannerz forderte eine neue Definition des Kulturbegriffs. Dieser sollte dynamischer sein, da heute Kulturen nicht mehr homogen anzusehen sind, aufgrund einer starken Durchmischung. Die Mikoperspektive soll durch eine Makroperspektive ergänzt werden.

Welche Bedeutung haben die Medien in Bezug auf Urban Anthropologie?

Heute spielen die Medien eine sehr wichtige Rolle, insbesondere auch die elektronischen Medien. TV, Film, Internet, Zeitungen, Bücher breiten sich heute sehr schnell aus. Die Beeinflussung durch die Medien insbesondere TV, Film und Internet muss deshalb genauer betrachtet werden. Nicht nur auf Mikroebene, sondern auch in einer Makroperspektive. So üben beispielsweise die USA einen grossen Einfluss über das Film-, Musik- und TV-Geschäft aus. Es wird über die Medien ein Bild vermittelt. Unter anderem war noch einige Zeit nach dem Kalten Krieg das Bild der USA als „Retter der Welt“ in kriegerischen Konflikten in vielen Spielfilmen eine klare Rolle, während Russland aber auch Japan immer noch als Feind polarisieren dargestellt wurde. Die USA vermittelt in den Medien auch das Ideal einer Gesellschaft. In der Musik kommt dies ebenfalls stark zum Tragen. Dies zeigt sich beispielsweise bei Kindern in brasilianischen Ghettos, welche die Texte von New Yorker Rappern besser kennen, als traditionelle Lieder. Es findet also eine Identifikation über die Medien statt und damit verbunden auch immer eine Modernisierung. Alte Traditionen werden meist durch die Medien als „Vergangenheit“, als etwas das „Out“ ist, postuliert. Alles neue wird gelobt, ist „cool“ und „In“. Ich denke, dass insbesondere die Jugend stark durch die Medien beeinflussbar ist. Dies ist nicht nur heute der Fall, das war auch sicherlich schon zu unserer Zeit so. Als US-Serien wie „Beverly Hills 90210“ im TV anliefen, träumte jeder davon in Kalifornien zu leben, nach dem amerikanischen Traum, in einem kleinen Häusschen. Dass die Realität in den USA oftmals ganz anders aussah, war mir persönlich damals nicht bewusst. Die Medien vermitteln somit nicht nur ein bestimmtes Bild und Werte, sondern entsprechen oftmals gar nicht den realen Gegebenheiten. Genausowenig wie Malinowskis teilnehmende Beobachtung bei den Trobriander für ganz Asien universelle Gültigkeit hatte, decken auch vielmals die Inhalte von Film und TV nicht reale Gegebenheiten ab, im Gegenteil, alles wird gewaltiger, imposanter und schöner dargestellt. Die Menschen scheinen glücklich, alle verfügen über ein eigenes kleines Häusschen im typischen „amerikanischen Traum-Stil,“ wo frühmorgens der Zeitungsjunge mit dem Fahrrad vorbeifährt. Wer kennt diese Szene nicht? Ich bin mir sicher, dass wir einen Strassenjungen in Guatemala ebenso danach fragen können, wie einen Sushiverkäufer in Japan. Beide werden die Szene mit den amerikanischen Reihenhäusschen kennen und beschreiben können. Vielleicht wird der eine sogar davon träumen, später einmal so zu leben, denn so könne man wirklich glücklich werden, wie das Fernsehen ja beweist!

“Globalisierung als entfesselnde Modernisierung”?

Arjun Apparudai kritisierte die westlichen Universalitätsansprüche. Er forderte, dass der postkolonialen Sicht und der globalen Perspektive (Makroperspektive) eine grössere Bedeutung zukommt. Er wendet sich gegen die Modernisierungstheorie, da diese nicht in der Lage sei, die heutigen Prozesse der sozialen und kulturellen Globalisierung zu erfassen. Er spricht davon, dass die „Modernity at Large“ ist, somit auf „freiem Fuss“. Während früher die Modernisierung örtlich gebunden war, ist sie heute transnational, also Grenzen- und Staaten übergreifend. Entsprechend spricht er von fünf wichtigen Dimensionen, den sogenannten „scapes“: Ethnoscapes, Mediascapes, Financescapes, Ideoscapes, Technoscapes.

Gemäss Appadurai sind die neuen elektronischen Medien für ihn von grosser Bedeutung. Er sagt, dass ihre sehr grosse Reichweite und Abdeckung die „kulturellen Flüsse“ mitprägt. So bestimmen z.B. Mediascapes den Lebenstil bzw. die Idee eines idealen Lebenstils. Oftmals gemäss amerikanischem Vorbild, da das US-Unterhaltungsgeschäft den Markt dominiert.

Bruno Latours anthropologischen Feldstudien

Bruno Latour interessierte sich für die Produktion von Wissen im Bereich der Wissenschaft, bzw. genauer der Naturwissenschaft. Er untersuchte Labore und führte dort die teilnehmende Beobachtung durch. Er stellte fest, dass die Personen/Individuen von der Richtigkeit und Wichtigkeit ihrer Aktivitäten überzeugt sind. Dies wiederum prägt das kollektive Handeln der Gesellschaft.

Welches Problem spricht Bruno Latour mit “die Anthropologie kehrt aus den Tropen zurück” an?

(siehe Latours Veröffentlichung „Wir sind nie modern gewesen“)

Bruno Latour spricht das Thema der Anthropologen an, die aus den exotischeren Bereichen zurückkommen, wo sie zuvor Feldforschungen durchgeführt haben, und schliesslich Forschungen in der modernen Welt durchführen. Die Anthropologie orientiert sich noch immer zu stark an den traditionellen klassischen Vorbildern, wie beispielsweise Malinowski. Man will das Zentrum einer fremden Gesellschaft aufdecken, sehen wie sie funktioniert. Welche überschauenden Zusammenhänge man aus der Froschperspektive aufdecken kann. Teilaspekte sind wichtig, jedoch ist der grosse Zusammenhang immer die grosse Motivation.

Kehrt die Anthropologie jedoch aus diesen fernen Ländern zurück, so beginnt der Anthropologe in der modernen Welt nur Teilaspekte zu betrachten. Dabei gibt es sehr viele interessante Möglichkeiten zur Feldforschung in der modernen westlichen Welt. Bauern im Schatten der Kernkraftwerke, informelle Ökonomien in unserer Gesellschaft, die kulturelle Bedeutung der Bahnhöfe für Kunst und Musik. Dies sind nur einige von tausenden Beispielen. Jedoch ist der Anthropologe meist eingeschüchtert, wenn er in seiner eigenen modernen Welt Forschung betreibt. Er bleibt mit seinen Fragestellungen und Forschungen nur im Randbereich und vergisst seine Motivation und das traditionelle Ziel aus den Augen: das Zentrum, grosse Zusammenhänge aufzudecken. Gemäss Latour ist es sehr wichtig, dass auch in der modernen Gesellschaft anthropologisch geforscht wird und die genau gleichen Fragen gestellt werden. Die Methoden und Zielsetzungen dabei sollten sich ebenfalls nicht unterscheiden.
Anmerkung: ist „Betriebsblindheit“ womöglich ein Problem? Dann sollte der Anthropologe umso mehr in seiner modernen Welt Teilbereiche wählen und erforschen, die er selber nicht kennt – und hier gibt es eine genügend grosse Auswahl.

Vom Balam-IX Team:
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