Vor dem 19. Jh. hatte man noch keine Spezialisierungen in der Anthropologie. Man hatte auch die Vorstellung, dass bei den „Wilden“ nur eine Anarchie herrsche. Im 19 Jh schliesslich Henry Maine’s neue Vorstellung von politischen Strukturen in primitiven, patriarchal verwandtschaftlichen Gemeinschaftssystemen. Lewis Henry Morgan erkannte bei den Irokesen Verwandtschaftsmuster (die Matrilinerarität), sowie Siedlungsmuster (die Matrilokalität). Er hatte die Vorstellung von Evolutionssequenzen: Wildheit, Barbarei, Zivilisation. Es habe zunächst eine Hortikultur gegeben, danach die Jagd und schliesslich sesshafte Gesellschaften mit Landwirtschaft > Diese Vorstellungen sind typisch für das 19. Jh > man spricht von „Evolutionismus“. Der Evolutionismus mit der Vorstellung von Gesellschaften mit gewissen Vereinbarungen wie „kin units“, also Heiratsabkommen. Durch diese Heiraten entstanden Allianzen. Die Heirat ausserhalb der eigenen Gesellschaft war also von Vorteil für das Kollektiv. Die Gesellschaften schlossen sich in Gruppenbündnissen und Stämmen zusammen. Morgans Überlegungen basierten auf seinen Beobachtungen der Irokesen. Dort gab es auch Landwirtschaft und urbane Gebiete/Zentren. Morgan nimmt die Position ein, dass eine Regierung erst durch den Besitz eines Territoriums entstehen kann. Die Entwicklung des Privatbesitzes und die Sesshaftigkeit (Territorium) ist in diesem Zusammenhang wichtig. Wildbeuter besitzen wenig, damit sie mobiler sind. Sesshaftigkeit führt fast automatisch zu mehr Besitz. Klanstrukturen, sogenannte „Lineage“ Systeme, aber auch egalitäre Strukturen, sowie das Fehlen von Privatbesitz sind typisch für „primitive Gesellschaften“ aus seiner Sicht.
Im 20. Jh. veränderte sich die Vorstellung in England/Frankreich durch den Strukturalismus von der Evolution. Radcliff Brown sah die Gesellschaft als ein sich ausgleichendes System (wie ein biologisches System) > jedes Element trägt zur Erhaltung des Gesamten bei. Er setzte einen Fokus auf die Untersuchung von politischen Werten, Normen und Strukturen, die einen Rahmen für die Gesellschaft bilden > Britischer Strukturfunktionalismus. England mit grossem Interesse an ethnologischen Forschungen. Ergebnisse der Erforschungen von politischen Strukturen der „Natives“ sollen helfen die Kolonien besser zu regieren. Beispiel sind die Nuer > Evans Pritchards Feldforschungen. Fortes und Pritchard analysieren 2 afrikanische Systeme. Pritchards Nuer > ohne Zentralmacht. System funktioniert durch segmentäre Lineages und Verwandtschaft; Fortes > System mit König und Administration. Gleichgewichtsidee ist wichtig.
In Frankreich: Es gab unter anderem durch Durkheim eine Abkehr vom Evolutionismus. In den USA war Franz Boas grundsteinlegend, der auf detaillierte Studien setzt. Sein Kulturrelativismus in den USA war sehr prägend („cultural anthropology“).
Das Werk von Robert Lowie „Origin oft the State“ untersucht die Entwicklung von politischen Strukturen zum Staat. Er sieht eine Notwendigkeit für eine höhere Instanz > Der Staat soll die einzelnen Bestandteile zusammenhalten.
Nach dem Funktionalismus gibt es eine selbstausgleichende Balance in Gesellschaften. Symbole, Religion und Rituale sind dabei wichtig, sowie rechtliche Institutionen. Solchen Strukturen sind eher statisch und verändern sich nur sehr träge.
Edmund Leach mit 3 politischen Systemen in Burma, die anarchisch organisiert sind. Das heisst, sie sind traditionell, eher instabil, hierarchisch. Es soll kein Gleichgewicht geben, sondern häufige Konflikte; die Gruppen sind durch Symbole verbunden > es gibt aber eine Differenz zwischen den politischen Idealen und der sich verändernden Realität in Gruppen und zwischen ihnen.
Gluckmann erkennt, dass das Gleichgewicht nicht statisch ist, sondern vielmals konfliktbehaftet und sich dadurch auch verändert. Institutionen erschaffen oftmals auch Konflikte, um von Spannungen abzugleichen > Rituale, Beschuldigungen und Allianzen.
Der Neo-Evolutionismus ist geprägt von Leslie White und Julian Steward. Es gibt hier die Idee, dass es einen Trend von der einfachen Landwirtschaft zu einer intensiven Form gibt. Es bildet sich schliesslich der Privatbesitz heraus. Damit verbunden entstehen Klassen und eine politische Zentralisierung. White und Steward verfolgen eine ökologische, materielle Sichtweise. Es wurde versucht verschiedene Stadien für die politischen Entwicklung / Evolution zu definieren: Die egalitären Wildbeuter Gesellschaften entwickeln sich weiter und werden sesshaft > Sesshaftigkeit > basierend darauf entwickelt sich später der Staat (Staatsbildung).
Victor Turner setzt einen Fokus auf das Individuum. Dieses muss sich durch verschiedene soziale Dramen kämpfen aufgrund der spezifischen Normen und Werte. Er ist der Meinung, dass die Struktur nicht ausreicht und Prozesse, Konflikte und die individuelle Ebene der Akteure betrachtet werden müssen. Er hat die Idee, dass Konflikte und Spannungen eine Art Norm / Standard sind (Prozesstheorie).
Die neue politische Anthropologie wird durch Swartz, Turner, Tuden und Belandier begründet. Sie stellen fest, dass Individuen sich in dynamischen, politischen Arenen agieren, um die Macht und Führerschaft zu erlangen oder zu erhalten. Wer hat welches Amt, wer hat welche Zugänge zu Ressourcen? Die europäischen und amerikanischen Anthropologen lassen nun ab von den Evolutions- und Funktionalismus Ideen.
Die neuen Trends sind feministische politische Anthropologie und Fragen um Gender & Unterdrückung. Weiter wichtig ist Europa und ehemalige Kolonien, die zunehmende Durchdringung von politischen Prozessen in der Welt.
Auch wichtig ist James Scott mit „Weapons of the Weak“ (Diebstahl, Klatsch, kleiner alltägliche Widerstand als Waffe der Armen und Machtlosen > symbolische Widerstandsformen). Es gibt also im Hintergrund viel Widerstand gegen kapitalistische Wirtschaftsstrukturen.
Weiter sind die Postmoderne und die Globalisierung für die politische Anthropologie von Wichtigkeit. Die Postmoderne löste ein allgemeines Hinterfragen der bisherigen Ideen und Konzepte aus. Malinowski, Boas, Turner, Pritchard werden kritisiert und nicht mehr als Anthropologiehelden betrachtet).
Die ethnographische Autorität wird hinterfragt, die Konstruktion von Situationen und Erkenntnissen. Es ist auch wichtig, dass eine Auseinandersetzung mit der Macht stattfindet > Foucault. Er setzt den Fokus auf die Verinnerlichung von Macht. Ebenfalls wichtig ist Bourdieu mit seinem Habitus, der in Fields stattfindet. Er erklärt die Gesellschaft mit Mach aufgrund von Verhaltensweisen. Geld ist nicht alleine Machtbestimmend, sondern das Feld in dem sich die Person bewegen kann.
Die Globalisierung ist wichtig im Zusammenhang mit neuen Formen der Kommunikation, mit vereinfachter Mobilität (Flugzeuge, viele Flugstrecken weltweit), zunehmende globale Handelsflüsse (z.B. Produktion in China), der Einfluss der Medien (Internet), Technologische weiterentwicklungen.
Die Frage nach der Identität in einer geldorientierten Weltordnung mit einer diffusen, unklaren Machtsituation ist sehr wichtig.
Beispiel von Lewellen anhand von Sambia: Es gibt Konflikte um Weidegebiete. Der Staat versucht es mit Weideschutz und stellt Regeln für die Fischerei auf. Die Verwandtschaft und die Religion sind aber für die Macht massgebend. Rituale sind Formen der Sozialversicherung, Prestige ist entscheidend. Der Chief möchte ein Bewässerungssystem und dadurch eine Modernisierung einbringen. Doch die Opposition wehrt sich und will Vieh für die Ila sichern. Das Bewässerungssystem würde viel Viehland unbrauchbar machen. Das Fehlen von Vieh wäre ein Identitätsverlust. Die Opposition setzt also auf eine konservative Haltung, die das alte, traditionelle bewahren will.
