Von M. Rettenmund
Marjorie Shostak lebte von 1969 bis 1971 mit ihrem Mann in Botswana, unter den !Kung San, einer Jäger- und Sammlergesellschaft. Sie erlernte während ihres Aufenthalts die Schnalzlautsprache der !Kung, was ihr die Durchführung von Interviews mit den !Kung ermöglichte. Als aktive Feministin in den USA konzentrierte sie sich vor allem auf die Stellung und Rolle der Frau in der !Kung Gesellschaft. Zudem war es ihr ein grosses Anliegen, mehr über die Gefühlswelt der !Kung zu erfahren. Nach zahlreichen eher ernüchternden Gesprächen mit den !Kung lernte sie schliesslich eine Frau namens „Nisa“1 kennen. Shostak zeigt sich der neuen Bekanntschaft gegenüber zunächst eher skeptisch, ist jedoch nach einigen Interviews von Nisas Erzählstil und ihrer starken Persönlichkeit fasziniert.
Für die Durchführung der Befragungen setzte Shostak ein Tonbandgerät ein und transkribierte die Texte nachträglich. 1981 veröffentlichte sie mit Genehmigung der !Kung Frau schliesslich die literarische und ethnographische Verarbeitung der Gespräche im Buch „Nisa. The Life and Words of a !Kung Woman“.
In Shostaks Ethnographie steht erstmals ein Individuum einer „fremden Kultur“ im Zentrum. Nisa, zugleich Informantin und Studienobjekt, erhält in Shostaks Werk eine eigene Erzählstimme. Die Autorin entschied sich dazu, wie James Clifford (Clifford 1995, S. 136) sich in seinem Aufsatz „Über ethnographische Autorität“ treffend ausdrückt, „[..] die diskursiven Prozesse der Ethnographie in der Form eines Dialogs zwischen zwei Individuen zu präsentieren“, und nennt das Werk nebst einigen weiteren Publikationen ein bemerkenswertes Beispiel. Eine verborgene Kritik an der ethnographischen Autorität und der damit zusammenhängenden Machtposition des Autoren lässt sich aus Shostaks Text ableiten: Mittels der Wahl der dialogischen Autoritätsform lässt Shostak Nisa zum Hauptcharakter werden, die ihre Geschichte selber erzählen darf. Das Resultat ist eine romanartige Monographie, die sich spannend lesen lässt und überzeugt. Entsprechend gross ist die Leserschaft des Buchs, da sich nicht nur die wissenschaftliche Welt für das Werk interessiert, sondern ebenso die breite Öffentlichkeit. Durch die einfache und verständliche Präsentation kann sich der Leser mit Nisa identifizieren und sich so in ihre Welt einfühlen. Die emotionalen Aspekte im Leben der !Kung können aus der Perspektive der Gruppe auf diese Weise „von innen heraus“ betrachtet und verstanden werden.
„Nisa erzählt“, wie das Buch in der deutschsprachigen Veröffentlichung 1986 heisst, lässt ebenfalls eine gesellschaftliche Provokation erkennen, da Shostak die offenherzigen Berichte zu Nisas Sexualität bewusst nicht zensierte. Da in den 80er Jahren noch sehr viele sexuelle Tabus bestanden, war dies auf alle Fälle ein mutiger Schritt. Einzige Kritik bleibt das unklare Verhältnis zwischen Shostaks Interpretation, Nisas Worten und dem ethnographischen Bericht. Eine Überprüfung ist hier sehr schwierig und wird auch durch die Abtrennung der „objektiven“ Textteile Shostaks (z.B. Kapiteleinleitungen) nicht möglich. Wie geht man mit dem Werk also richtig um? Aus wissenschaftlicher Sicht ist es entscheidend, dass man eine eigene Kontextualisierung vornimmt und sich mittels zusätzlichen Publikationen ein eigenes Bild der !Kung Gesellschaft zu dieser Zeit erschafft. Die Berichte in Shostaks Werk sollten nicht als Fakten oder absolute Wahrheiten betrachtet werden. Da selbst Shostak während ihres Aufenthalts bei den !Kung, wie sie selbst im Epilog erklärt, wiederholt aufgezeichnete Gespräche hinterfragen musste.
Das Werk wird heute als umstrittenes anthropologisches Standardwerk betrachtet. Einerseits wird der innovative postmoderne Stil der Ethnographie gelobt und die Bedeutung des Werks für das Fach betont, andererseits führt das Fehlen von wissenschaftlichen Aspekten, wie beispielsweise das Fehlen von Quellen, eine Kontextualisierung, ein Fazit oder auch die fehlende anthropologische Ausbildung Shostaks in universitären Kreisen zu Ablehnung. Die Veröffentlichung 1981 durch die Harvard University Press gab Shostak jedoch bereits von Anfang an einen „wissenschaftlichen Rückenwind“. Gesellschaftskritische, feministische Aspekte, der innovative ethnographische Charakter des Werks, sowie die Reflexion der eigenen Autorität rechtfertigen die Einstufung des Werks als bedeutende Ethnographie. Trotz der immer noch anhaltenden Diskussion um wissenschaftliche Akzeptanz, konnte das Werk die ethnographische Postmoderne entscheidend mitprägen.
Bibliographie
Clifford, James 1995: Über ethnographische Autorität. In: Fuchs, M. und Berg, E. (Hg.): Kultur, soziale Praxis, Text. Die Krise der ethnographischen Präsentation. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag. S. 109-157.
Haller, Dieter 2005: dtv-Atlas Ethnologie. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.
Shostak, Marjorie 1986 (1981): Nisa erzählt. Das Leben einer Nomadenfrau in Afrika. Reinbek: Rowohlt Verlag.
Shostak, Marjorie 2000 (1981): Nisa. The Life and Words of a !Kung Woman. Cambridge: Harvard University Press.