15/12/2009
„… [there are] some brute facts about the world of the twentieth century that any ethnography must confront. Central among these facts is the changing social, territorial, and cultural reproduction of group identity. As groups migrate, regroup in new locations, reconstruct their histories, and reconfigure their ethnic projects, the ethno in ethnography takes on a slippery, nonlocalized quality, to which the descriptive practices of anthropology will have to respond [..] The terms of the negotiation of between imagined lives and deterritorialized worlds are complex, and they surely cannot be captured by the localizing strategies of traditional ethnography alone. What a new style of ethnography can do is to capture the impact of deterritorialization on the imaginative resources of lived, local experiences.”
“Global Ethnoscapes. Notes and Queries for a Transnational Anthropology” von A. Appadurai
15/12/2009
„Es kann eine feindliche Einstellung gegenüber ethnologischen Untersuchungen geben. Das Gefühl besteht, sie unterstellten den Untersuchten Unzivilisiertheit, Wildheit. Die Ethnologie hat hier den Geruch des kulturellen Kolonialismus – eine arrogante Behauptung europäischer Überlegenheit: der weisse Mann studiert den unterlegenen afrikanischen schwarzen Mann. Ihr Misstrauen und ihre Ablehnung haben einige Berechtigung, da sich in der Vergangenheit Ethnologen allzu bereitwillig in den Dienst kolonialer Interessen stellten und sich verkauften. [..] Die Ethnologie ist in der Tat, und ich glaube zu unrecht und ohne dass ihre Intentionen und Errungenschaften wirklich verstanden worden wären, für die Völker der neuen und unabhängigen Staaten, besonders wohl in Afrika, zu einem Schimpfword geworden.”
Evans-Pritchard, 1978
15/12/2009
Die Ansicht, dass durch teilnehmende Beobachtung und Interpretation dessen, eine reale Abbildung der Gegebenheiten einer Kultur gemacht würde. Der „ethnographische Realismus“ war jedoch häufig eine Doppelstrategie: einerseits wollte man sich als Autor kompetent ausgeben und beweisen, dass man über eine fremde Kultur berichten konnte und durfte (Selbstautorisierung des Autors) und andererseits wurde die fremde Kultur als Objekt dargestellt, das genau beschrieben werden konnte. Die immer vorhandene Subjektivität beim Verfassen von Ethnographien wurde grundsätzlich nicht erwähnt oder hinterfragt. Wie Clifford Geertz in „Die künstlichen Wilden“ sich passend ausdrückt, gibt es keine objektive Ethnographie. Ethnographen schaffen durch die Abbildung einer fremden Welt zugleich auch immer eine Fiktion. Der Autor nimmt eine Position ein, als ob er alles in seiner Umgebung wahrnehmen könnte, ohne selbst die Ereignisse zu beeinflussen. Er kreiert also immer ein eigenes subjektives Abbild der „Realitäten“. Durch die Beeinflussung des Ethnographen z.B. durch die eigene Anwesenheit oder Interaktion ist kritisch betrachtet eigentlich auch keine Authentizität mehr gegeben!
Autoren wie Malinowski oder Mead haben sich durch die Selbstrepräsentation in ihren Werken sozusagen „mythologisiert“. Beim Lesen eines Buchs von Malinowski kann man annehmen, dass er ein genialer Feldforscher war, der die meisten alle Beobachtungen selbst durchgeführt und sich fehlerfrei merken konnte. Das Autorenselbst (das ein Konstrukt des ethnographischen Realismus ist!) und das Feldforscher selbst wurden als identisch genommen. Die Autoren hätten also im Feld sozusagen in Geistform alles beobachtet, alles gesehen und sogleich auch verstanden. Sie hätten auch durch die eigene Anwesenheit nichts beeinflusst.
15/12/2009
Die interpretative Anthropologie ist eine Abgrenzung der Ethnologie/Anthropologie von der analytischen Anthropologie. Ein interpretierender Anthropologie beobachtet und interpretiert seine Beobachtungen. Es erfolgt eine Beobachtung, aber auch eine Kommunikation zwischen dem Anthropologen und den „Forschungobjekten“/Forschungsteilnehmern.
15/12/2009
Die Writing Culture Debatte hat in den 1980er Jahren die ethnographische Repräsentationsweise hinterfragt. Insbesondere in Bezug auf Elemente des Kolonialismus. Weitere Punkte sind das Problem der Autorität, das Problem der Authentizität (durch Lehnstuhl und Veranda Anthropologie etc.), die Form der schriftlichen Darstellung z.B. mittels des zu hinterfragenden „Ethnographisches Präsenz“ (Allgemeingültigkeit). Die postmoderne Wende kam schliesslich u.a. durch James Cliffords und Clifford Geertz‘ kritische Publikationen.
“.. [die Anthropologen haben bisher] ihre Schwierigkeiten beim Konstruieren solcher Beschreibungen eher auf die Problematik der Feldforschung zurückgeführt als auf die von Diskurs.” (Geertz, 1993:18).
15/12/2009
Die Orientalismus-Debatte, angeführt von Edward Said, beschäftigt sich mit der Repräsentation von vorderasiatischen/asiatischen Gesellschaften (östliche Kulturen) durch westliche Orientalisten. Dabei ist sicherlich die ethnographische Repräsentation für die Sozialanthropologie wichtig, obwohl Said nicht ausdrücklich in seinem Werk „Orientalism“ (1979) einging. Dabei weist er auf immer wieder auftauchende Elemente hin, wie z.B. das laute Markttreiben, die feminine Exotik, der ewig unveränderliche Osten, die mystische Religionen und die Unfähigkeit der Orientalen, für sich selber zu sprechen. Said kritisierte stark, dass der Westen sich das Privileg einräumte, diese orientalische Repräsentation vorzunehmen. Seine Kritik ist deshalb auch für die Writing Culture Debatte von Bedeutung, da in den 1980er Jahre die ethnographische Repräsentation stark hinterfragt wurde. Saids These ist schliesslich, dass der Herrschaftsanspruch des Westens über den Orient um 1840 in Europa entstand und durch den Diskurs eine wissenschaftliche Legitimation für die Herrschaft gesichert wurde.
15/12/2009
Arjun Appadurais Modell der fünf Dimensionen im Kontext der Globalisierung und “Postcolonial Studies”.
Es gibt folgende “kulturelle Flüsse”:
- Ethnoscapes
Ethnoscapes Soziale Landschaften, geprägt durch Mobilität und Transnationalität
- Mediascapes
Einfluss der Medien (TV, Film, Internet, Musik) auf den Lebensstil ist massiv; US-Unterhaltungsbusiness dominiert dabei den Markt und prägt das Bild eines idealen Lebensstils durch die Medien mit
- Financescapes
Spekulative Finanzflüsse sind profitorientiert, schnell und global
- Ideoscapes
Politische und religiöse Ideologien schaffen neue Bedeutungen für die Demokratie und das Recht
- Technoscapes
Appadurai ist der Meinung, dass es keine Industrienationen mehr gibt und begründet dies damit, dass die Produktion flexibel in günstige Regionen verlegt wird, also völlig transnational produziert wird –> z.B. günstige Produktion in China
15/12/2009
Sie beschäftigt sich mit:
- der Veränderung der Welt durch Bevölkerungszunahme
- die Auswirkungen von technologischen Entwicklungen (“grüne Revolution”)
- den Postkolonialismus
- neue Formen von Religionen, Wohnraum, familiärer Solidarität (z.B. bei Migranten)
- der kulturellen Distanz ländlicher und städtischer Gebiete
- Grossstädten (Megacities) als Orte der kulturellen Globalisierung
- der Problem und Folgen der Transnationalität
- der Verarmung ländlicher Regionen
- der Gefahr des Kultur- bzw. Traditionsverlusts in ländlichen Gebieten
15/12/2009
Ulf Hannerz ist der Mitbegründer der Urban Anthropologie. Sein Werk „Soulside – Inquiries in ghetto culture and community“ zählt zu den Klassikern der Urban Anthropologie. Hannerz forderte eine neue Definition des Kulturbegriffs. Dieser sollte dynamischer sein, da heute Kulturen nicht mehr homogen anzusehen sind, aufgrund einer starken Durchmischung. Die Mikoperspektive soll durch eine Makroperspektive ergänzt werden.
15/12/2009
Heute spielen die Medien eine sehr wichtige Rolle, insbesondere auch die elektronischen Medien. TV, Film, Internet, Zeitungen, Bücher breiten sich heute sehr schnell aus. Die Beeinflussung durch die Medien insbesondere TV, Film und Internet muss deshalb genauer betrachtet werden. Nicht nur auf Mikroebene, sondern auch in einer Makroperspektive. So üben beispielsweise die USA einen grossen Einfluss über das Film-, Musik- und TV-Geschäft aus. Es wird über die Medien ein Bild vermittelt. Unter anderem war noch einige Zeit nach dem Kalten Krieg das Bild der USA als „Retter der Welt“ in kriegerischen Konflikten in vielen Spielfilmen eine klare Rolle, während Russland aber auch Japan immer noch als Feind polarisieren dargestellt wurde. Die USA vermittelt in den Medien auch das Ideal einer Gesellschaft. In der Musik kommt dies ebenfalls stark zum Tragen. Dies zeigt sich beispielsweise bei Kindern in brasilianischen Ghettos, welche die Texte von New Yorker Rappern besser kennen, als traditionelle Lieder. Es findet also eine Identifikation über die Medien statt und damit verbunden auch immer eine Modernisierung. Alte Traditionen werden meist durch die Medien als „Vergangenheit“, als etwas das „Out“ ist, postuliert. Alles neue wird gelobt, ist „cool“ und „In“. Ich denke, dass insbesondere die Jugend stark durch die Medien beeinflussbar ist. Dies ist nicht nur heute der Fall, das war auch sicherlich schon zu unserer Zeit so. Als US-Serien wie „Beverly Hills 90210“ im TV anliefen, träumte jeder davon in Kalifornien zu leben, nach dem amerikanischen Traum, in einem kleinen Häusschen. Dass die Realität in den USA oftmals ganz anders aussah, war mir persönlich damals nicht bewusst. Die Medien vermitteln somit nicht nur ein bestimmtes Bild und Werte, sondern entsprechen oftmals gar nicht den realen Gegebenheiten. Genausowenig wie Malinowskis teilnehmende Beobachtung bei den Trobriander für ganz Asien universelle Gültigkeit hatte, decken auch vielmals die Inhalte von Film und TV nicht reale Gegebenheiten ab, im Gegenteil, alles wird gewaltiger, imposanter und schöner dargestellt. Die Menschen scheinen glücklich, alle verfügen über ein eigenes kleines Häusschen im typischen „amerikanischen Traum-Stil,“ wo frühmorgens der Zeitungsjunge mit dem Fahrrad vorbeifährt. Wer kennt diese Szene nicht? Ich bin mir sicher, dass wir einen Strassenjungen in Guatemala ebenso danach fragen können, wie einen Sushiverkäufer in Japan. Beide werden die Szene mit den amerikanischen Reihenhäusschen kennen und beschreiben können. Vielleicht wird der eine sogar davon träumen, später einmal so zu leben, denn so könne man wirklich glücklich werden, wie das Fernsehen ja beweist!